Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung?

Wir müssen Vieles in unserem alltäglichen Leben ändern, wenn wir chronisch krank sind. Aber: wie realistisch ist es, dass wir für den Rest unseres Lebens alles umsetzen können, was uns empfohlen wird um vorzubeugen?

Viele Erkrankungen können zu schwerwiegenden Folgen führen. Die meisten Betroffenen wissen das auch. Dialyse, Erblindung oder schwere Behinderungen nach einem Schlaganfall – diese oder ähnliche Zukunftsvisionen belasten chronisch kranke Menschen viel stärker als Gesunde. Deshalb haben sie viel mehr Grund  gesund zu leben und Lebensgewohnheiten zu ändern, denn die meisten Patienten haben die Folgen Ihrer Erkrankung größtenteils selbst in der Hand.

Aber man kann sich nicht ständig Sorgen machen, man kann sich nicht immer eine bedrohliche Zukunft vor Augen halten. Jeder will so normal wie möglich weiter leben. Und ganz ehrlich: Wenn man noch keine Beschwerden einer Folgeerkrankung im Alltag verspürt, dann ist es verdammt schwer, jeden lieben Tag so zu leben, als lauere das Unheil schon direkt hinter der nächsten Tür.

Ich selbst habe zwei chronische Erkrankungen, die jeweils schwerwiegende Folgen haben können und einen großen Teil dieser Folgen habe ich selbst in der Hand – jeden Tag. Besonders direkt nach meiner Diagnose war ich ziemlich besorgt und ich glaube es gibt kaum einen Artikel, den ich nicht über mögliche Folgen gelesen habe. Die Angst vor einer schweren Krankheit stand so plastisch vor mir, dass ich bereit war auf alles Mögliche in meinem Leben zu verzichten, um das Unheil abzuwenden. Am Anfang habe ich das auch fast immer geschafft. Aber die Jahre vergingen, meine Vorsorgeuntersuchungen zeigten gute Ergebnisse und nach und nach wuchs mein Zutrauen, dass ich ganz normal weiterleben könne. Zugegeben: damit kehrte auch eine gewisse Sorglosigkeit ein. Hier und da mehrten sich die Situationen, in denen ich meine strengen Regeln einfach überging und viele alte Gewohnheiten schliffen sich wieder ein, die in meiner Situation sicher nicht so gut tun.

Ich habe Zeiten, in denen ich so gut wie gar nicht darüber nachdenke, dass ich auf dünnerem Eis gehe als Gesunde. Dann wieder gibt es Erlebnisse, die mich unsanft zurück werfen  – ein Gefühl wie beim Mensch Ärgere Dich Nicht, wenn es heißt „gehe zurück auf Start“. Dann packt mich wieder die Angst und ich denke reuevoll darüber nach, wie viele Situationen es gab, in denen ich nicht daran gedacht hatte vorzubeugen und dann fange ich wieder an, mich zusammen zu reißen.

Aus meiner eigenen Erfahrung frage ich mich oft: wie realistisch ist es, dass man mit einer chronischen Erkrankung jahrelang – ja eigentlich bis zum Schluss – Tag für Tag das Richtige tut und das Falsche lässt? Meine Lösung ist die 80% Regel, die ich mir selber aufgestellt habe: Wenn ich es schaffe, 80% der Zeit auf meine Gesundheit zu achten, dann bin ich zufrieden. 20% Spielraum muss sein, sonst schaffe ich es nicht. So vermeide ich, dass ich mir ständig Vorwürfe mache, weil ich an den zu hohen Anforderungen gescheitert bin. Denn das kann dazu führen, dass man alles umschmeisst, weil man denkt: ich schaff das ja doch nicht. Ich denke es ist ein Weg, sich ein Ziel festzulegen: so und so viel Prozent möchte ich schaffen und dann bin ich zufrieden.

Wie geht es anderen damit? Schreiben Sie einen Kommentar, wir würden gerne von Ihren Erfahrungen lernen.

Autor: Prof. Dr. Dorothee Gänshirt

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