Mit der Diagnose leben lernen

Als ich vor drei Monaten völlig unerwartet die Diagnose Brustkrebs bekam, traf mich das wie ein Schlag.

Natürlich muss man bei jeder Vorsorgeuntersuchung damit rechnen, dass sie etwas finden. Aber ich ging fest davon aus, dass ich nach dem lästigen Röntgen herausmarschiere und nie wieder etwas höre. Und dann landet ein Brief auf dem Tisch: Bitte kommen Sie noch einmal vorbei – ein lebensverändernder Brief. Ich kann nur schwer beschreiben, in welche Fassungslosigkeit, Angst und Verzweiflung mich die Botschaft der Radiologin stürzte, dass es Krebs ist.

Die ersten Wochen waren eine der schlimmsten Phasen meines Lebens. Orientierungslos, hilflos und voller Ängste malte ich mir die schlimmsten Zukunftszenarien aus. Ich fand keine Ruhe, keine Zuversicht, hatte keinen Plan und haderte mit meinem Schicksal gegen das ich mich aufbäumte, in dessen Strudel ich jedoch schon gefesselt war.

Erst als ich den richtigen Arzt, weitere Untersuchungen und einen Behandlungsplan hatte, begann sich das Dunkel langsam zu lichten. Dennoch saß ich bei meiner ersten Chemotherapie mit dem Gefühl: die anderen Frauen haben Krebs – ich sitze hier nur mal so zum Test. Als ich eine Frau beobachtete, die ohne Haare mit einer Mütze im Krankenbett zum OP geschoben wurde, ging mir durch den Kopf: Gott sei Dank, dass mir das nicht passieren wird.

Inzwischen hat meine Tochter mir schon lange die restlichen Haare abrasiert und natürlich werde ich genauso wie diese Frau zu meiner OP geschoben werden.

Aber das ist mittlerweile in Ordnung. Ich habe mich mit meiner Diagnose versöhnt. Die Chancen, dass ich gesund werde, sind viel größer als die, dass es nicht so ist. Und ich bin sehr zuversichtlich, das zu schaffen.

Natürlich quäle ich mich durch die Chemotherapie – wie jede andere betroffene Frau – und ich habe bisher nie gekannte körperliche und seelische Tiefpunkte. Aber wichtig ist, dass ich inzwischen gelernt habe, wie ich immer wieder rauskomme.

Vieles, was mein Leben bisher begleitet hat, hilft mir jetzt sehr. Schwimmen ist die einzige Methode, mit der ich nach der Chemotherapie wieder fit werde – und man weiß inzwischen, dass Bewegung nicht nur bei Diabetes und Herzkreislauferkrankungen nützt, sondern auch das Überleben Krebskranker deutlich verbessert. Mediation und Yoga – beides habe ich vor langer Zeit gelernt und jetzt offenbart sich für mich erst deren ganzes Potential. So viel Kraft und Zuversicht, die ich inzwischen zurück erobert habe, schöpfe ich daraus.

Wieder einmal ist mir bewusst geworden, wie sehr die beiden Säulen – Bewegung und Techniken um innerlich zur Ruhe zu kommen – helfen, egal welche Erkrankung man hat. Und ich bin überzeugt, dass beides mir zusätzlich zur Therapie dabei hilft, gesund zu werden. Die Therapie ist die wichtigste Säule – natürlich – aber Bewegung und die innere Einstellung sind eine entscheidende zusätzliche Unterstützung, die wir selbst in der Hand haben. Denn sie können das Zünglein an der Waage sein, das wissen wir inzwischen. Eine Garantie haben wir nicht – aber die haben auch die Gesunden nicht.

Autor: Prof. Dr. Dorothee Gänshirt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s