Das Leben ist schön

Sind Sie ein Vorzeigepatient? Wachsen Sie durch Ihre Erkrankung über sich hinaus und entwickeln ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten und ernten die Bewunderung Ihrer Umgebung? Oder gehören Sie eher zu den Durchschnittsmenschen, denen eine chronische Erkrankung zu schaffen macht?

Neulich sah ich eine Fernsehsendung, in der eine „mutige“ Krebspatientin vorgestellt wurde, die heiter und gelassen ohne Haare durch die Chemotherapie zu gleiten schien. Alles Negative schien an ihr abgeperlt zu sein und die interviewenden Journalisten waren begeistert. Ich fragte mich, was wohl andere Patienten mit Krebs dabei empfinden, wenn sie so etwas sehen. Es ist in zwischen fast Gang und Gäbe, dass man in Fernsehtalkshows gutgelaunte Parkinson-Patienten, Leistungssport-betreibende Diabetiker, Schlaganfallpatienten mit großer Gesangskarriere und viele andere mehr in den Himmel lobt. Aber was ist mit all den anderen?

Ich kann nur sagen – jetzt da ich fast am Ende meiner Chemotherapie bin und somit leider über ausreichend Erfahrung verfüge –, dass ich die Therapie keineswegs fröhlich und locker durchgezogen habe. Nein, es war das Schlimmste, was mir bisher passiert ist, und ich hatte Phasen in denen ich so mutlos, kraftlos und ratlos war, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Nein, in diesen Momenten war ich kein Held und hätte auch kein gutes Bild in einem Fernsehinterview abgegeben. Aber ich weiß, dass es den meisten Patienten geht wie mir.  Ein durchschnittlicher Diabetiker kämpft immer wieder mit einem Diabetes Burnout, weil die tägliche Kontrolle über die Blutzuckerwerte einen an die persönlichen Grenzen bringt. Kein Parkinson-Patient erträgt die wachsende körperliche und geistige Einschränkung und zunehmende Schwächung gelassen. Aber die anderen wollen das nicht hören und mein Verdacht ist, dass viele Patienten deshalb die dunkle Seite ihres Schicksals öffentlich nicht erwähnen. Auch Patienten sind lernfähig und passen sich an!

Mein Rat an alle, die sich bei solchen Sendungen als Versager vorkommen: Lassen Sie sich nicht zusätzlich unter Druck setzen und glauben Sie nicht, Sie müssten jetzt auch in der Öffentlichkeit stark und fröhlich rüberkommen. Wie schwer es ist mit Diabetes, einer Herzschwäche, Asthma oder COPD zu leben, wie viel Kraft es kostet, die täglichen Herausforderungen und Ängste zu meistern, das wissen nur die Betroffenen selbst. Ich finde es viel mutiger, öffentlich zuzugeben, wenn man  schlecht zurecht kommt, anstatt dass man das anderen zu Liebe verdrängt. Damit ist keinem wirklich geholfen.  Ich komme aus meinen persönlichen Tiefs viel schneller wieder heraus, wenn ich mich jemandem mitteilen kann. Die anderen müssen das dann einfach mal aushalten und das tun sie auch.

Autor: Prof. Dr. Dorothee Gänshirt

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